"Aprèslude" (nach einem Gedicht von Gottfried Benn)

Uraufführung mit dem Ensemble JungeMusik Berlin/Brandenburg am 24.4. 2016, Fabrik Potsdam im Rahmen der Intersonanzen 2016.

Gottfried Benn: Aprèslude

Tauchen musst du können, musst du lernen,
einmal ist es Glück und einmal Schmach,
gib nicht auf, du darfst dich nicht entfernen,
wenn der Stunde es an Licht gebrach.

Halten, Harren, einmal abgesunken,
einmal überströmt und einmal stumm,
seltsames Gesetz, es sind nicht Funken,
nicht alleine — sieh dich um:

Die Natur will ihre Kirschen machen,
selbst mit wenig Blüten im April
hält sie ihre Kernobstsachen
bis zu guten Jahren still.

Niemand weiß, wo sich die Keime nähren,
niemand, ob die Krone einmal blüht -
Halten, Harren, sich gewähren
Dunkeln, Altern, Aprèslude.

Andreas F. Staffel
Über meine Komposition: Aprèslude Nr.I (Nach einem Gedicht von Gottfried Benn)

Für Bassklarinette, Horn in F, Akkordeon, Klavier, Violoncello, Kontrabass
Dauer: ca. 10 Min.

Die Komposition entstand im Winter 2015/2016 und ist dem Angedenken des im Januar verstorbenen Komponisten und Dirigenten  Pierre Boulez gewidmet.

Ich habe das das Gedicht als Vorlage für mein Stück ausgewählt, weil es meiner Meinung nach sehr gut zu den dunklen Timbres der hier ausgewählten Instrumente passt. Die Komposition ist dreiteilig, in der Mitte steht eine ausgedehnte „Duokadenz“  von Klavier und Akkordeon.

Die Musik spürt  dem (im Gedicht beschriebenen) morbiden Prozess des  Eintauchens und Verharrens nach. So werden, nach  anfänglich jähem Aufschwung Tempo, Dynamik und Tonhöhe  nach und nach herabgesenkt, bis ein vorübergehender Stillstand hergestellt ist. Pausen und Echoklänge vermischen sich mit Luftgeräuschen an der Grenze  der Tonhöhe. Nach einer kurzen Generalpause belebt sich das  Tempo erneut, und das Ensemble schwingt sich zu einem weiteren Gipfel auf. Hierauf erfolgt ein noch tieferer Absturz, dem schwankende Triller-und Tremolo Figuren seismographisch nachspüren. Lange Liegetöne lösen sich langsam auf und vermischen sich zu immer neuen Kombinationen der sehr unterschiedlichen Instrumente. Nach der Kadenz beginnt der Schlussteil mit einem „Pizzicato Trio“ von Klavier, Cello und Kontrabass. Nach und nach setzen alle Spieler mit  flüchtigen, „verhuschten“  Spielfiguren ein, und münden in einem kollektiven Glissando aller Ensembleinstrumente“. Das Cello benutzt hierbei ein Bottleneck, der Pianist reibt mit einer Glasschüssel über die tiefen  Saiten des Klaviers. Den Höhepunkt der Komposition bilden repetierende Cluster im vierfachen Fortissimo in allen Registern. Der Epilog beschreibt nochmals das Abgleiten und Auflösen des Materials. Die Bläser murmeln  vereinzelte  Wortfetzen in ihre Instrumente („Halten, harren, sich gewähren, dunkeln, ...) Schiffshupen verebben in der Weite. Ein letztes Abgleiten des Kontrabasses beschließt die Komposition.

Zurück