Andreas F. Staffel > Texte > Über die Klaviersonate Nr. 1 („Centaurus“)

Über die Klaviersonate Nr. 1 („Centaurus“)

Der Mythos des Pferdemenschen aus der griechischen Antike war Vorbild für meine Komposition. Mein Klavierprofessor hatte mir seinerzeit folgenden Satz mit auf den Weg gegeben: “Der Pianist muss wie ein Centaur sein, halb Mensch, halb Klavier.“

Für mein Klavierstück habe ich das Klavier in vier symmetrische Tastenzonen eingeteilt:

tl_files/images/texte/kentaurus/kentaurus_1.png

Die tiefsten 22 Tasten sind dem Unterleib, also dem animalischen Wesen zugeordnet und  entsprechen dem Element Erde/Holz. Eine spezielle Pedalnotation steht für  den leicht- füßigen Hufschlag des Kentaur.  Für die folgende, überliegende Tastenzone werden 22 Filzkeile benutzt, die jeweils auf der Höhe des zweiten bis dritten  Obertones zu befestigen sind. Der hieraus entstehende, goldene Glockenklang repräsentiert den Herz und Emotionsbereich, also den Oberkörper.

In der „dritten Zone“ wird ausschließlich der Innenraum des Flügels verwendet.  (der Spieler zupft, schnippt oder tremoliert in den Saiten). Dieser metallische Klang bezeichnet die Seele des Zwischenwesens und steht für die reine Spiritualität. Die letzte Tastenzone behandelt den Intellekt und den Bereich der Hybris und Spekulation .Hierfür werden die Saiten mit Pappe abgedämpft, so dass ein gedämpfter und perkussiver Klang entsteht.

Ich habe diese vier Bereiche einzeln, gegen und miteinander behandelt, und ihnen die strenge klassische Sonatenhauptsatzform zugeordnet..Es gibt vier verschiedene Motive, die ihrerseits auch vier verschiedene Anschlagsarten erfordern. Diese sind:

IV) das animalische Motiv, durchweg martellato gespielt, mit einer, sich sukzessive verkürzenden Metrik (7-5-4-3-2-1)

tl_files/images/texte/kentaurus/kentausrus_2.png

III) das zweite Thema, ausschließlich gezupft und mit den gleichen Intervallen wie das erste Motiv, jedoch mit vergrößerten Notenwerten und im langsamen Tempo (man kann dies vielleicht als einen verspäteten Tribut an die thematischen Metamorphosen der spät romantischen Klaviersonate sehen)

II) Ein weiteres Thema tritt überwiegen wie ein Choral auf, und repräsentiert die menschliche Seele.

tl_files/images/texte/kentaurus/kentausrus_3.png

I) Der vierte, den menschlichen Intellekt darstellende Bereich erscheint überwiegend in  filigranen Tongruppen:Im Verlauf der Komposition begegnen sich alle vier Stimmen, in einem polyphonen Austausch der unterschiedlichen Timbres. Die unterschiedlichen Motive werden nun auch in den unterschiedlichen Tastenzonen transformiert.  Diese werden erst gegen Ende der Durchführung mit starren, brachialen Akkorden zur Ruhe gebracht. Die Reprise beginnt mit, mittels Fingerringen in den Saiten gespielten Sechzehntelnoten. Nach einer grüblerischen und reflektierenden Coda behält der animalische Impetus die Oberhand, und beendet die Komposition abrupt.

Berlin, Januar 2010 | Andreas F. Staffel

Zurück

Kommentare

Texte über Musik anderer

Musik und Malerei