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Spuren, für Gerhard Richter

Besetzung: Flöte (auch Picc.,Alt.), Klarinette (auch Bassklarinette), Klavier, Schlagzeug, Viola, Violoncello

Postkarte von Gerhard Richter an Andreas Staffel und Streichquartett Nr. II mit Widmung

Postkarte von Gerhard Richter an Andreas Staffel und Streichquartett Nr. II mit Widmung

In der Komposition beschäftige ich mich mit Bildern des Malers Gerhard Richter, die einen unmittelbaren Einfluss auf meine Arbeit haben. In einigen  vorherigen Werken habe ich mich mit der Wechselwirkung von Musik und Malerei auseinander gesetzt (wie etwa in dem Ensemblestück: "Einst dem Grau der Nacht enttaucht" nach Paul Klee, Klavierstück: „Magic squares " nach Paul Klee). Gerhard Richters Bilder inspirieren meine Arbeiten seit vielen Jahren. Ein Resultat hiervon ist mein drittes Streichquartett, „Spuren-An Gerhard Richter“.

In diesem Stück setze ich mich mit unterschiedlichen Maltechniken Gerhard Richters, insbesondere jenen aus den 1970er Jahren wie etwa dem "Blow up"-oder der "Diffusionstechnik" beim Malen von fotografischen Motiven auseinander. Das Werk entsteht unmittelbar durch das Transmittieren jener Maltechniken in die Sprache der Musik. Der Komposition liegen keine konkreten Bilder zugrunde.

Wie kein anderer Künstler hat Gerhard Richter die Motive seiner Malerei durch Effekte des Verwischens und Verschleierns von Beginn an als unscharf erscheinen lassen. Er setzt das Prinzip der Unschärfe konsequent ein: in seinen figürlichen Gemälden, deren Motive er häufig den populären Printmedien entnimmt, in seinen auf photographischen Vorlagen beruhenden Figuren, Landschaften und Stillleben und nicht zuletzt auch in seiner abstrakten Malerei. Dabei wirft er immer wieder die Frage auf, was ein Bild überhaupt wiedergeben kann, ob es einen Inhalt transportiert oder doch nur seine eigene schöne Oberfläche darstellt.

Methode

Für die Technik der Diffusion verwende ich in meiner Arbeit vielfältige Methoden:

a.) Liegende Flächen einzelner temperierter Töne werden durch gleichzeitig langsame und schnelle Glissandibewegungen (Glissandokontrapunkt) nach und nach bewegt und entfernen sich allmählich von einem Tonzentrum (vgl. : Gerhard Richter, "Über die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen")

b.) Mikrotonale Abweichungen verzerren nach und nach die Struktur (vergleichbar mit der schlierenartigen Verwischtechnik in der Malerei Gerhard Richters)

c.) Durch die Verwendung von natürlichen und künstlichen Flageoletts werden die Spektren einzelner Töne und Motive hervorgehoben und gesondert beleuchtet. Der damit verbundene Prozess des „Her-Zoomens“ von Details lässt diese wie Fluchtpunkte vor den hintergründig ruhenden Klangflächen der Partitur erscheinen. Solcherart „Klangspuren“ und Chiffren fokussieren blitzartig die Aufmerksamkeit auf verborgene Kristallisationspunkte der Partitur. Aus einzelnen vagen Andeutungen (Verschwommenheit) erwächst die Ahnung eines dahinterliegenden Wesentlichen. „Insofern wird niemals ein exakt selbiges wiederholt, sondern die die vermeintliche Identität einer Bedeutung erzeugt sich nur in Abweichung von sich selbst und damit in Differenz zu sich selbst.“ (Zitiert aus: Jacques Derrida, Andere in Schriften) d) Verwandlungen ins Geräuschhafte: Durch die zeitweise Fokussierung auf das vermeintlich klanglich Nebensächliche, wie die Bewegung beim Bogenaufsatz, Luftgeräusche beim Bläseransatz, Saitennebengeräusche beim Anschlag, wird eine verborgene Substanz in den Mittelpunkt gestellt, die unsere Ohren für die antreibende Kraft hinter der Oberfläche des Klangs schärft. All jene geschilderten Elemente der Diffusionstechnik bilden im Widerspruch zu ihrer Methode ein homogenes Ganzes, eine differenzierte Einheit (Derrida: Différance“), die den Zuhörer in das Innerste der Komposition führt. Durch Veränderung der überkommenen Deutung eines Kunstwerks, durch Veränderung der (vom Zuhörer) erwarteten Abläufe werden neue Perspektiven freigesetzt, die das Werkverständnis aus einer verfestigten Starre enthebt und hierdurch neues Leben einhaucht.

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