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Einige Anmerkungen über die Études

Debussy

Debussy erklärte sich bereit, den Secondo […] zu spielen. Strawinsky hatte darum gebeten, seinen Hemdskragen zu öffnen. Mit in den Brillengläsern erstarrtem Blick, die Nase auf die Klaviatur gerichtet, summte er von Zeit zu Zeit eine ausgesparte Partie und entfachte gemeinsam mit den agilen und weichen Hände seines Duopartners, der ihm ohne Probleme folgte und alle Schwierigkeiten zu beherrschen schien, einen betäubenden Klangrausch. Als sie ihr Spiel beendet hatten, gab es keine Umarmungen und keine Komplimente. Wir blieben stumm, wie von einem gerade vorübergezogenen Sturm niedergeworfen, der aus den Tiefen der Zeiten kam und unser Leben an den Wurzeln packte.“

Für die Franzosen war und ist die antike Mythologie eine unerschöpfliche Quelle tragischer Liebesgeschichten. Rameau hat einige davon in seinen Opern erzählt und daraus schönste Kammermusik gemacht. Debussy widmete dem Mythos von Pan und Syrinx ein poetisch zartes Flötensolo. Auch die übrigen Stücke dieser Matinee erzählen von der geheimnisvollen Verbindung zwischen Mythos, Liebe und Natur – in den schillernden Klängen von Flöte, Bratsche und Harfe

Hommage á Monsieur Croche

Einige Anmerkungen über die Études

Debussys späte Kompositionen, vor allem die Études, gehören für mich zu den wenigen Werken, die ich ohne Zögern mit auf eine einsame Insel,- sagen wir die "Isle Joyeuse" -, mitnehmen würde. Es ist eine Musik, die mich  immer wieder nachhaltig, vor allem auch als Komponist beschäftigt.
Jedes Mal, beim Spielen dieser Miniaturen, geht es mir wie dem Archäologen, der im Verlauf seiner Ausgrabungen Stück für Stück neue Schichten freisetzt und Ornamente entschlüsselt. Wie bei den großen Werken, z.B. von Mozart oder Beethoven, gibt es bei jeder neuen Begegnung mit dem Werk,  immer wieder überraschende  Details zu entdecken.  Türen, die wiederum  den Blick auf andere Türen freigeben und Tore öffnen.
Es ist vor allem die schier unendliche Vielschichtigkeit von klanglichen Nuancen, Rhythmen und Tempi, die sich im Spätwerk von Debussy zu einer vollkommenen Einheit zusammenfügt.

Je tiefer man in das Innere der Komposition dringt, umso mehr ist man beeindruckt  von  einer Geschmeidigkeit der Form und Struktur, die in der Musikgeschichte ihresgleichen sucht.

Es gibt hier kein gerades metrisches Denken wie in der deutsch-österreichischen Musik, alles ist dem Fluidum der Töne untergeordnet. Einzig die Akkordetüde bildet da eine Ausnahme. Nicht von ungefähr betrachtete der überzeugte Debussy die Musik seiner deutschen Nachbarn mit einer vorsichtigen Skepsis.
Der Titel Études zeugt von einem gepflegten Understatement, das vielleicht nur mit dem alten Bach zu vergleichen ist, der seine Stücke für Tasteninstrumente „Klavierübungen“ genannt hat.

Auch hier begegnen wir einer Musik, die ihre Kraft einzig aus sich selbst bezieht, einer in sich geschlossenen Sprache, der jegliche Äußerlichkeiten und virtuoser Zirkus fremd ist. Daher wird sie auch so selten im Konzertrepertoire gespielt.

Zwar sind die Werke dem äußerlichen Anschein nach noch tonal, jedoch entwickeln die harmonisch-melodischen Bezüge einen Zusammenhang, der jegliche herkömmliche tonale Deutung weit hinter sich lässt. Die Musik ist geprägt von einer individuellen Geste, die sich von jeglicher konventionellen Floskelhaftigkeit befreit hat. Während ein Großteil der Musik  von Schönberg und seinen Schülern  aus jener Zeit in der Nachfolge  einer großen Wiener Tradition bis hin zu Mahler steht, so weist Debussys Musik weit in die zweite Hälfte  des 20. Jahrhunderts hinein.
So nehmen beispielsweise die Étude pour les sonorités opposées das Komponieren in Flächen in der seriellen Musik vorweg, andere Werke hingegen erinnern bereits in ihrer radikalen Beschränkung auf die klangliche Entwicklung an die spektralen Kompositionen eines Gerard Grisey aus der Mitte der siebziger Jahre.

Dieses im besten Sinne „aus der Zeit Fallen“ erinnert an den späten Beethoven, dessen letzte Klaviersonaten und Streichquartette auf direktem Wege (ohne Umweg über die Romantik) ins zwanzigste Jahrhundert  führen und dem Publikum bis heute immer neue Rätsel aufgeben.

Wir wissen bei Claude Debussy nicht, wo diese Klänge herkommen und wo sie hingehen.
Es gibt dafür keine zureichende rationale theoretische Erklärung. Und das ist gut so.

Freuen Sie sich jetzt also mit uns auf die Études aus dem Jahr 1915.

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